BACKSPIN Review zum X-Mas Festival

Nicht nur bei den BACKSPIN Christmas Jams in Hamburg und Kiel, nein auch in Stuttgart wurden Weihnachten und Rapmusik gebührend gefeiert. So geschehen am 22. Dezember beim Chimperator Real Motherfucking X-mas Festival 2011 in der Röhre. Leider zum letzten Mal in besagter Location, da diese im Zuge der Baumaßnahmen zu Stuttgart 21 bereits im Januar schließen muss. Das Line-Up war so abwechslungsreich wie selten zuvor und reichte von Olson, Ahzumjot und Cro über Tua bis Taktloss. Kein Wunder, dass sich das nur die wenigsten entgehen lassen wollten und das Festival bereits Tage zuvor ausverkauft war. Lediglich 15 Karten sollte es an der Abendkasse geben, was nicht jeder wusste. So mussten viele Fans enttäuscht den Heimweg antreten oder sich auf zur Chimperator Betriebsfeier machen.

19:30
Die Schlange vor der Röhre dürfte von der Länge wohl glatt als Anakonda durchgehen. Das vermehrt junge Publikum ist in Feier- und Trinklaune. Kodimey bahnt sich seinen Weg durch die Menge, da der Nebeneingang bereits abgeschlossen ist. Zehn Minuten später ist es endlich soweit und die ersten dürfen hinein. Auf der Bühne ist ein Weihnachtsbaum aufgestellt und einer der Chimperator Gründungsväter, nämlich DJ Skully legt auf. Allmählich werden nur noch Christmas Rap Songs gespielt, darunter Sido’s Weihnachtssong und man hört die Stimmen der Moderatoren Black ‘n’ Proud aus dem Off bis diese verkleidet als Weihnachtsmänner mit einem kräftigen “Ho Ho Ho” die Bühne betreten und das noch verhalten reagierende Publikum mit Geschenken und vier Songs bescheren. Am Lichtpult befindet sich heute ein alter Bekannter, nämlich Chimperatormitinhaber Peerless. Ungewohnt aber auch nicht ungewöhnlich.

20:25
Nun ist es Zeit für den ersten Act, nämlich Ahzumjot aus Hamburg beziehungsweise der “neuen Reimgeneration” (blame it on Falk). Bei seinem energiegeladenen Showintro verwendet er einen Beat aus seinem Beatfigh-Set. Die Aufmerksamkeit ist ihm damit sicher. Unterstützt von Levon Supreme und Crusoe spielt er hauptsächlich Songs aus seinem Erstling “Monty” wie zum Beispiel “Stdkds” und “hauskindfrau“, aber auch sein JUICE-Exclusive “Jack Shepard” funktioniert live. Als Zugabe gibt es selbstverständlich die Videosingle “Sepia zu Gold“.

Der nächste an der Reihe ist Olson, der seinen Kumpel KaynBock dabei hat. Auch er hat ein aktuelles Release vorzuweisen und präsentiert seine nach der Postleitzahl der Düsseldorfer Altstadt benannte “40213” EP. Aber auch für älteres Material und einen KaynBock Part ist Platz. Interessant wird es als er sein Können auf einem Drum ‘n’ Bass-Beat zur Schau stellt. Der Funke springt zum Publikum über und die Vermutung liegt nahe, dass der ein oder andere Besucher schon einmal auf einer der beliebten Drum ‘n’ Bass-Parties in der Röhre gewesen sein muss. Kurz nach den ersten Tönen des letzten Songs “Halt mich fest” tritt das ein, womit man eher bei Cro gerechnet hätte – ein euphorischer Mädchenschrei.

21:10
Dann kommt es zu dem worauf alle – außer denen, die nur wegen Taktlo$$ da waren – gewartet haben. It’s Cro-Time. Die Handzeichen der Fans haben es schon angekündigt. Sie formen nämlich das ‘Easy-Dreieck’, das im Prinzip dasselbe wie der Rocafella-Diamant ist. Apropos Zeichen, was sagt eigentlich VIVA dazu? Wie dem auch sei, kurz bevor es los geht wird noch Psaiko Dino von Black ‘n’ Proud dazu genötigt, seinen berühmten Satz “Hi was geht ab, ich bin Psaiko Dino” zu sagen. Stuttgarts neuer Shootingstar betritt die Bühne (wie gewohnt mit Pandamaske) und wird frenetisch empfangen. Sein Auftritt soll an diesem Abend der lauteste bleiben, die Röhre rappt mit zu den Songs des Server zerberstenden “Easy“-Mixtapes. Doch neben unter anderem “Hi Kids“, “Kein Benz” und “Allein” gibt es auch unveröffentlichten Stuff wie eine Story über sein Problem der Schüchternheit, das bei dem Hype spätestens wenn die Maske fällt gelöst sein sollte. Während der Show verschenkt er gemeinsam mit dem “Weihnachtskaas” T-Shirts in Pizzaschachteln und kommuniziert gerne mit dem Publikum. Der letzte Song ist – wie könnte es anders sein – “Easy“, dessen Video mittlerweile bei Burger King rotiert. Durchgängig Freude.

21:52
Auf Cro folgt Tua. Es könnte nicht kontrastreicher sein. Hatte sich wohl auch Tua gedacht, der den “Easy”-Beat in eine 2011er Dubstepversion seiner Ali A$-Kollabo “Stanislaw” verwandelte, gesanglich dabei angepasst an “Easy“. Kurz darauf regnet es, doch natürlich ist damit der Song “Es regnet” vom Album “Grau” gemeint. Besonders an seinem Auftritt ist auch, dass Tua heute Rapper und DJ in einem ist. Seine Produzentenskills werden allerdings auch sichtbar. Nicht umsonst heißt es von ihm, dass er das Publikum heute zum Dubstep erziehen möchte. Die Nummern seiner kommenden “Raus“-EP gehen nämlich genau in diese Richtung, auf dem Song “MP3 Player” fragt sich Tua warum man diese MP3 Player nicht lauter machen könne, da er die Welt nicht hören möchte. Die Welt beziehungsweise die Crowd möchte ihn umgekehrt jedoch sehr gerne hören und ist bei “MDMA” auch bereit sich “Moses-mäßig” teilen zu lassen und aufeinanderzuzurennen.

22:21
Schließlich kommen wir zum Headliner Taktlo$$, der für den ein oder anderen Besucher auch eine Art Endgegner ist. Während dessen Show löst sich die ausverkaufte Röhre nämlich allmählich auf. Jetzt ist die Gelegenheit noch einmal auf die Toilette oder an die Bar zu gehen, die Spannung hat mindestens wieder Cro-Dimensionen angenommen. Angekündigt wird er mit gefühlt undendlichen “Was macht sein Label?”-Salven auf die nur eine logische Antwort in Frage kommt. Und dann wird es für einen Moment dunkel. Licht an. Takti der Blonde mit dem schwarzen Weihnachtsbart steht da und fragt was sein Label macht. Selbst die Barkeeper und Türsteher dürften jetzt Bescheid wissen. Passend zur Weihnachtszeit bläst TAK im wahrsten Sinne des Wortes zum Highlight indem er “Alle Jahre wieder” auf der Trompete spielt. Begeisterung pur, vermutlich auch bei den Hatern. Was darauf folgt, ist das halbe “Battlereimpriorität“- Archiv, sowie weitere Songs aus Westberlin Maskulin Zeiten. Die Röhre tanzt außerdem den “Ganxta Boogie” und bekommt “Booyakaa“-Schüsse in den Kopf. Eine Spezialität sind seine Schüsse mit dem Mikrofonständer auf das Publikum. Dieses überlebt und beweist, dass es keine zu ermordende Whack MC’s enthält. Wäre ja auch schade, wenn diese nicht wenigstens die T-Shirts und Sweater ergattern könnten, die Taktlo$$ nach seiner letzten Zugabe von der Bühne für mindestens 10 und höchstens 25 € verkauft – je nach Gefallen der Show, die wenige Minuten vor Mitternacht endet.

Alles in allem war es ein rundum gelungenes Festival, auf dem außerdem freudig die Rückkehr des Hip Hop Open in die Mutterstadt Stuttgart verkündet werden konnte. Klar, dass am 14. Juli 2012 dann auch Cro mit von der Partie sein wird, ebenso Mac Miller, Wiz Khalifa und Max Herre.

Weitergefeiert werden konnte anschließend in der Schräglage auf der Chimperator Betriebsfeier. Bereits bei meiner Ankunft platzt der Club bereits aus allen Nähten. Für die VIPs gibt es zudem einen eigenen Bereich, der sich im Laufe der Nacht auch noch ordentlich füllt. Ein wenig schade ist es dennoch für die Fans, ist man doch von Chimperator Volksnähe gewohnt. Für die musikalische Unterhaltung sorgten Plan B und DJ Stean alias das “Zack! Boom! Peng! Soundsystem“, die neben Harry Belafonte / Lil Wayne und Wacka Flocka Flame auch original Musik aus Super Mario auflegten. Hat man so auch noch nicht erlebt. Nach zwei anstrengenden Stunden zieht es Plinch gegen 3:00 dann zu seinen feierwütigen Kollegen in die VIP-Area. 0711-King Strachi begegnet man dort sebenso wie dem Chimperator-Shirt sportenden Ahzumjot und dem heute Mütze tragenden Olson. Immerhin bleiben letzterem somit lästige Diskussionen über seine Frisur erspart. Nach unzähligen Hits und “Easy” später wird man um halb fünf dann auch im Affengehege müde – Aufbruchstimmung. Man soll ja bekanntlich gehen wenn es am schönsten ist.

Quelle: Backspin